Monthly Archives: Dezember 2014

Neue Presseartikel zum NSU, Probsteigasse und den Ermittlungen

Westfalenpost, 19.12.2014
NSU-Ausschuss in NRW steht gewaltig unter Zeitdruck
„Ungereimtheiten gibt es bei den NRW-Taten einige. Beim Sprengfallenanschlag in der Kölner Probsteigasse am 19. Januar 2001 etwa, bei dem die 19-jährige Mashia M. schwere Verbrennung erlitt. Vier Wochen zuvor hatte ein junger, blonder Mann im Laden des iranischstämmigen Djavad M. unter einem Vorwand einen Korb mit Einkäufen und einer präparierten Stollendose hinterlassen. Es gab ein Phantombild, aber kein Ermittlungsergebnis. Noch immer ist rätselhaft, wie der NSU ohne Unterstützer überhaupt auf das unscheinbare Geschäft in der Probsteigasse gekommen sein soll.“
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18. Januar 2015: Kundgebung zum 14. Jahrestag des neonazistischen Anschlags in der Probsteigasse

Am 21. Dezember 2000 betrat einer der Täter des NSU ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Probsteigasse. Er führte einen Weihnachtsgeschenkkorb mit sich und ließ diesen im Laden zurück, um angeblich Geld für den Einkauf im Laden zu holen. In dem Geschenkkorb befand sich eine Christstollendose, die einen Sprengsatz enthielt. Der Ladenbesitzer stellte den Korb zur Aufbewahrung in das Hinterzimmer des Ladens. Hier detonierte der Sprengsatz am 19. Januar 2001, als die damals 19 jährige Tochter des Ladenbesitzers die Dose öffnete. Sie erlitt schwerste Verbrennungen am Oberkörper und im Gesicht.
Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen herbeifantasierten Racheakt aus dem Rotlichtmilieu. Die Familie hat einen deutsch-iranischen Hintergrund, jedoch wurde ein rassistisch motivierter Anschlag von der Kölner Polizei sofort und grundlos ausgeschlossen. Stattdessen wurde auf Streitigkeiten mit einem Bauunternehmer mit türkischem Migrationshintergrund verwiesen. Noch am Tattag nahm die Kölner Polizei mit dem Verfassungsschutz (VS) Kontakt auf, wie später bei der Aufarbeitung deutlich wurde. Die Verfassungsschutzbehörden ermittelten jedoch einseitig und sammelten Informationen über die Opfer. Hier ging es nicht um einen möglichen Abgleich mit anderen rassistischen Anschlägen – die Betroffenen standen unter Verdacht. Und das, obwohl einige Anhaltspunkte auf einen Anschlag von Neonazis hinwiesen.
Heute, 14 Jahre später, wird der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) für die Tat verantwortlich gemacht. Bis heute ist ungeklärt, wie der NSU auf das völlig unscheinbare Geschäft und dessen Inhaber aufmerksam wurde, ob es lokale Helfer gab und wer den Geschenkkorb in dem Laden abgestellt hatte. Daran, dass es sich um Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt gehandelt hat, bestehen ernsthafte Zweifel. Beschreibungen des Täters von Mitgliedern der Familie passen nicht zu den beiden. Continue reading

NSU Aufklärungs- und Dokumentationsarbeit

Die Aufklärungsarbeit hinsichtlich des NSU-Komplexes findet auf mehreren Blogs statt. Hier eine kleine Auswahl:

www.nsu-nebenklage.de
Rechtswanälte der Nebenklage berichten über ihre Arbeit im NSU-Prozess

www.nsu-watch.info
NSU-Watch wird von einem Bündnis aus rund einem Dutzend antifaschistischer und antirassistischer Gruppen und Einzelpersonen aus dem ganzen Bundesgebiet getragen, die seit über einem Jahrzehnt zum Themenkomplex arbeiten. Der Kern der momentanen Arbeit von NSU-watch ist die Beobachtung des Strafprozesses am Oberlandesgericht in München. Wir sind an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal dabei, berichten über Twitter (@nsuwatch) und erstellen detaillierte Protokolle.

nrw.nsu-watch.info
Drei Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU und nach Bekanntwerden der NSU-Mord- und Anschlagsserie gibt es nun endlich auch in Nordrhein-Westfalen (NRW) einen Parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschuss (PUA). Um dessen Arbeit kritisch zu begleiten, haben sich Aktive aus antirassistischen und antifaschistischen Initiativen sowie Einzelpersonen zum Projekt NSU-Watch NRW zusammengeschlossen.

blog.zeit.de/nsu-prozess-blog
Das NSU-Prozess-Blog von Zeit-Online – Der tägliche Blick nach München. Was wird verhandelt? Wie berichten die Medien?

Rückblick: (Mit-)Täterspurengang

14338097726_c5e3f448b1_z10 Jahre nach dem Nagelbombenanschlag in der Keupstraße. Erinnern heißt handeln.

Zahlreiche kreative Spuren wurden am Freitag, den 6. Juni, bei einem (Mit-)Täterspurgengang von der Antifa Koordination Köln & Umland (AKKU) in der Kölner Innenstadt hinterlassen. Erinnert wurde mit Transparenten, künstlerischen Aktionen und einer Gedenkplakette dabei nicht nur an den rechtsterroristischen Anschlag in der Keupstraße, sondern auch an eine andere Tat des NSU, an den Bombenanschlag in der Kölner Probsteigasse.

Rund 150 Anti-Rassist_innen starteten in Köln-Deutz, um stellvertretend Orte und Mittäter_innen aufzusuchen,die bei der Mordserie des NSU sowie deren Nicht-Aufklärung eine Rolle spielten und immer noch spielen. Am Finanzamt erzählten der Geschäftsinhaber und Geschädigte Arif Sadic und der Ehren-Vorsitzende der Initiative Keupstraße Mitat Özdemir davon, wie die Finanzbehörde die Ladeninhaber_innen nach dem Anschlag unter Druck setzten, da die Täter_innen im Umfeld der Opfer vermutet wurden. Ohnehin traumatisierte Menschen wurden unter anderem durch diese Behandlung zusätzlich traumatisiert.
„Von einem Augenzeugen ganz persönlich zu hören, wie demütigend und schikanierend die Behandlung seitens Polizei und Behörden war, führt das gewaltige Ausmaß von Rassismus in der unserer Gesellschaft erschreckend vor Augen“, so Lisa Müller, Sprecherin der Antifa‘Koordination Köln&Umland.

Weiterhin thematisierte der (Mit-)Täterspurengang die politisch Verantwortlichen für die rassistischen Ermittlungen, die Fortschreibung des Rassismus‘ in den Medien sowie die einseitige und drangsalierende Ermittlungsarbeit der Polizei. Schließlich haben diese staatlichen Behörden und gesellschaftlichen Institutionen mit ihren Ermittlungsmethoden und ihrer Berichterstattung dazu beigetragen, die rassistische Grundstimmung in Deutschland weiter zu befeuern. Angegriffen wurden auch die aktuellen Entwicklungen, bei denen Politiker_innen wie Horst Seehofer mit rassistischen Umschreibungen eine Politik durchsetzen, die auf Abschottungen setzt und Migrant_innen nach „wertvoll“ und „wertlos“ unterscheidet.
Kritisiert wurden ebenfalls die Politiker_innen, die sich im Zuge des Jahrestages des Anschlags über die Mordtaten des NSU empören, ohne die eigene Rolle zu hinterfragen und Konsequenzen zu ziehen.

Von dem Leid und der Angst, die der Anschlag auf ein Lebensmittelgeschäft in der Probsteigasse 2001 auslöste, berichtete die Anwältin der Nebenklage beim Münchner NSU-Prozess, Edith Lunnebach. Bei dem Anschlag detonierte ein Sprengsatz in einem Lebensmittelgeschäft, der die Tochter des Ladenbesitzers schwer verletzte. Nur durch ein Wunder kamen weitere Personen nicht zu schaden.
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Auf der Abschlusskundgebung wurde an diesen zweiten Kölner Anschlag erinnert und gefordert, auch die zur Verantwortung zu ziehen, die bis heute eine lückenlose Aufklärung der NSU-Anschläge verhindern und keine Konsequenzen ziehen wie den Verfassungsschutz. Der (Mit-)Täterspurengang endete mit einer Schweigeminute und mit dem Anbringen einer Gedenkplakette in der Probsteigasse.

Der „(Mit-)Täterspurengang“ fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Inititative „Keupstraße ist überall“ zum zehnten Jahrestestag des Nagelbombenanschlags in der Keupstraße statt.